Bälle

Gestalttherapie

Gestalttherapie ist ein vitales Psychotherapieverfahren, welches sich auszeichnet durch ein hohes Maß an Flexibilität und kreativer Passung bezüglich der Bedürfnisse unterschiedlicher Persönlichkeiten und deren Lebenssituationen und -stilen. Gestalttherapie ist keine Anpassungstherapie, sondern respektiert das individuelle Gewordensein und unterstützt das freie Subjekt in dem Prozess der Wiederbelebung seines fundamentalen Selbst. Es ist dies ein Prozess der komplexen und liebevollen Bewusstwerdung und Integration der eigenen Bedürfnisse und Möglichkeiten.

Die Ursprünge

Die Gestalttherapie wurde von den deutschen PsychoanalytikerInnen Fritz und Laura Perls entwickelt, maßgeblich in den 1940er und -50er Jahren in den USA. Beide sind bereits in den 1930er Jahren als Juden aus Deutschland vor den Nazis geflohen und arbeiteten zunächst einige Jahre in Südafrika, wo sie das erste psychoanalytische Institut in Johannesburg aufbauten.
In dieser Zeit entwickelten sie die Grundlagen der Gestalttherapie, als Resultate ihrer größer werdenden inhaltlichen Differenzen zur zeitgenössischen Psychoanalyse und den ihr zugrunde liegenden, stark bürgerlich-patriarchal geprägten Werten und Normen. In New York schließlich entstand um sie herum eine Gruppe von progressiv denkenden Intellektuellen aus unterschiedlichen Professionen.
Sie waren sich einig in ihrem Widerstand gegen starre Konventionen und Konformität und suchten nach einer innovativen, ganzheitlichen und kreativen Psychotherapieform. Diese entstand zunächst in kritischer Auseinandersetzung mit Freud und der damaligen Psychoanalyse und wurde stark beeinflusst durch Phänomenologie, Gestaltpsychologie, Existentialismus, körperorientierte Verfahren, Anarchismus und Zen. Und sie hatte vor dem Hintergrund ihrer damaligen Zeit auch starke politisch-emanzipatorische Implikationen.
Das grundlegende Werk der Gestalttherapie wurde 1951 veröffentlicht und entstand durch die enge Zusammenarbeit von Fritz und Laura Perls, Paul Goodman und Ralph Hefferline: "Gestalttherapie - Lebensfreude und Persönlichkeitsentfaltung".
Die Gestalttherapie verbreitete sich recht schnell und etablierte sich in den 1970er Jahren auch in Europa. Heute gilt die Gestalttherapie als eine der wichtigsten humanistischen Psychotherapievarianten und wird in psychotherapeutischen Praxen und in Kliniken ebenso erfolgreich angewandt wie in vielen psycho-sozialen Einrichtungen.

Die Philosophie

Jeder Mensch ist in sein ökologisches, politisches, soziales, spirituelles und kulturelles Umfeld eingebunden, mit dem er ständig interagiert und im Austausch steht. Solange diese hierfür notwendigen "Kontaktprozesse" ungestört verlaufen, kann sich die individuelle Krativität entfalten, der Mensch kann entlang der ihm bewussten Bedürfnisse wachsen und sich entwickeln. Kontaktprozesse können in vielfältiger Weise gestört sein, indem etwa fixierte Erlebens- und Verhaltensweisen zum Selbstzweck werden, indem unangemessene Glaubensätze wirksam werden (Introjektion) oder auch aggressive Anteile unterdrückt oder gegen sich selbst gewendet werden (Retroflexion) u.ä.
In der Gestalttherapie werden diese Kontaktprozesse erforscht. Ausgangspunkt ist die unmittelbare Erfahrung in der Begegnung von KlientIn und TherapeutIn im Hier und Jetzt, wobei Wahrnehmen, Fühlen, Denken und Handeln als aufeinander bezogene Aspekte von Körper, Geist und Seele verstanden werden.
Durch konzentrierte Aufmerksamkeit und Nachspüren kann der Klient/die Klientin erleben, was er/sie gerade im gegenwärtigen Kontaktprozess tut. Vier grundlegende Fragen sind in dieser Erforschung des momentanen Seins von Bedeutung:

Was tust Du?
Was erlebst Du?
Was brauchst Du?
Was vermeidest Du gerade?

Durch dieses Gewahr-Werden erlangt er/sie seine/ihre Autonomie zurück und gewinnt Zugang zu den eigenen Potentialen und Ressourcen in einem gleichberechtigten therapeutischen Kontakt, der von beiden im Sinne einer Ich-Du-Beziehung gestaltet wird. Der/die TherapeutIn unterstützt den/die KlientIn durch individuell passende Interventionen und Anregungen, die neue Erfahrungen ermöglichen und das Alte helfen zu integrieren.

Eine gestalttherapeutische Haltung ist geprägt von Wertschätzung und Respekt. Störungen des Kontaktprozesses werden nicht als "krank" oder "falsch" verstanden, sondern als ursprünglich konstruktive, vielleicht sogar das Überleben sichernde Anpassungsstrategien in problematischen und bedrohlichen Umständen. Diese Strategien wollen heute als ebenso sinnvoll wie mittlerweile unangemessen erkannt, gewürdigt und in ein größer gewordenes Handlungsspektrum transformiert werden können.
In der Gestalttherapie wird daher auch auf schematische Interpretationen und Behandlungsmuster verzichtet, mit herkömmlichen Diagnosen wird nicht gearbeitet; gegebenenfalls kann es sinnvoll erscheinen, bei bestimmten psychischen Problemen zusätzlich eine psychiatrische Sicht zu Rate zu ziehen. Vor allem aber entdeckt und erfindet der/die GestalttherapeutIn im dialogischen Kontakt mit jedem/jeder KlientIn in seiner/ihrer Einzigartigkeit eine einzigartige Therapie.
Ziel ist die Entfaltung der individuellen Persönlichkeit und die Wiederentdeckung der eigenen Vitalität, Kreativität und Lebensfreude.